Lokales 18.04.2018

Baum der Erinnerung in Petersberg gepflanzt – Über Suizid offen reden

Petersberg – Von Svenja Müller – Frühlingshafte Temperaturen, die Sonne scheint und dennoch ist die Stimmung etwas getrübt – Mario Dieringer und Uli Steinmetz stehen im Garten, sprechen rührende Worte und pflanzen gemeinsam einen Baum. Er soll an Achim erinnern, der sich vor 18 Jahren das Leben genommen hat. Deutschlandweit pflanzt Dieringer im Rahmen des Projekts „Trees of memory“ Bäume, um Suizid-Opfern zu gedenken.

Ein Baum der Erinnerung wurde in Petersberg von Mario Dieringer und Uli Steinmetz gepflanz. Foto: Svenja Müller

Am Dienstag machte Dieringer, der den Verein „Trees of memory“ und somit auch das gleichnamige Projekt 2017 ins Leben gerufen hat in Petersberg Halt. Die 49-jährige Uli Steinmetz, die dort lebt, war eine der Ersten, die von Dieringers Aktion gehört und sich angemeldet hat. Die Bäume sollen an die Suizid-Opfer erinnern und für die Hinterbliebenen ein Zeichen der Hoffnung und Versöhnung darstellen. Denn auch sie würden laut Dieringer durch den Selbstmord ihrer Verwandten und Freunde oft suizidale Gedanken bekommen. „Es sind viele Dinge, die ich mit den Hinterbliebenen teile“, sagt der 51-jährige Journalist. Denn er hat nicht nur seinen Partner 2016 durch einen Selbstmord verloren, sondern hat selbst einen Suizidversuch nur knapp überlebt und wurde damals genau von seinem Lebenspartner, der sich erst später umbrachte, gefunden. „Freunde sind unsere Vertrauten. Sie begleiten uns oftmals ein Leben lang durch Höhen und Tiefen“, sagt Dieringer, der betont: „Der Baum soll aber auch mahnen und zeigen durch welches Leid Menschen, die den Suizid gewählt haben, gehen müssen.“ Er möchte, dass über das Thema offen gesprochen und es mehr in die Öffentlichkeit getragen wird.  Daher hat sich der 51-Jährige auf einen 75.000 Kilometer langen Weg um die Erde aufgemacht, um in 60 Ländern solche Bäume zu pflanzen.

„Die Menschen, die das Projekt emotional erreicht, sind wichtig“, so der Initiator. Jeden Tag erlebe er unfassbare Geschichten und treffe verschiedenste Menschen. Zum jetzigen Zeitpunkt betont der Journalist, dass er das erste Mal in seinem Leben angekommen ist und betont: „Ohne Trees of memory wäre ich tot. Es gibt keine Alternative dazu.“ Sicher werde auch er immer mal wieder schlimme Momente durchleben, doch auch dann hält er an dem Projekt fest und blickt nach vorne. Jede einzelne Station läuft er zu Fuß ab. An einem Tag legt er durchschnittlich 30 Kilometer zurück. Bis Ende des Jahres werden es rund 4000 Kilometer sein. „Es ist jeder eingeladen, mitzulaufen“, sagt der Initiator, der erzählt: „Die Erdverbundenheit ist ein wichtiges Element.“ Die Vorbereitungen liefen rund anderthalb Jahre, der erste Baum wurde Ende März gepflanzt. Ohne finanzielle Mittel und allein durch soziale Netzwerke hat Dieringer das Projekt aufgezogen. Wer Interesse an einem solchen Baum hat, kann sich jederzeit melden. Der Initiator ist auch bereit, auf seinem bislang geplanten Weg, einen Zwischenstopp einzulegen. Seine Route kann jederzeit online unter www.treesofmemory.com verfolgt werden.

 

Gemeinsam Abschied nehmen und Erinnerungen schaffen

„Und plötzlich warst du weg“, liest Steinmetz von ihrem Zettel ab, als sie im Garten steht und ihr die ersten Tränen über die Wange laufen. Es ist ein hochemotionaler Moment für sie und auch für Dieringer, mit dem sie sich ihr Schicksal gewissermaßen teilt. Noch einmal erinnert sich die 49-Jährige an den November 1999 zurück, an den Tag, an dem sich ihr Freund das Leben nahm. Kurz vorher hatte er sie noch gefragt, ob sie etwas unternehmen wollen, doch Steinmetz hatte an dem Abend keine Zeit. „Es lief alles ab wie in einem Film“, erzählt die 49-Jährige, die wochenlang mit der Schuldfrage zu kämpfen hatte: „Ich dachte wir könnten uns immer alles sagen.“ Doch seine Selbstmordgedanken äußerte er ihr gegenüber nie. Seine Beerdigung hatte Steinmetz damals nur in Trance erlebt und seitdem das Bedürfnis, sich nochmal von ihm verabschieden zu müssen. „Jetzt geht es mir besser“, erzählt die 49-Jährige kurz nachdem sie den Baum mit Dieringer gemeinsam eingepflanzt hat. Doch bei aller Traurigkeit lächelt Steinmetz auch, denn ihr Freund hat nun einen festen Ort im Garten, auf den sie jederzeit von ihrem Balkon aus blicken kann. „Der Baum wird immer an eine tolle Zeit erinnern. Er bedeutet mir sehr viel“, erzählt Steinmetz. Unter jeden „Tree of memory“ wird eine Kiste mit Erinnerungsstücken gepflanzt. Steinmetz hat sich für ein Holzherz und das Band der Uhr von ihrem Freund entschieden. Die Uhr selbst wird sie als Erinnerung behalten.

Baum der Erinnerung (Fotos: Svenja Müller)