Eher bekannt ist das Schicksal von Pfarrer Konrad Trageser. Das Festhalten an christlichen Grundwerten brachte ihn ins KZ Dachau, wo er im Januar 1941 starb. Durch dieses Ereignis hielt sich in Marbach die „Begeisterung“ für das Nazi-Regime in Grenzen. Es gab allerdings auch glühende Unterstützer. Unter den über 700 Toten im Krätzbachbunker in Fulda im Dezember 1944 – meist Beschäftigte der nahegelegenen Mehler-Werke – waren auch Marbacher. Anna Rippert („Sande Anna“) überlebte. Von ihr ist bekannt, dass sie nach ihrer Rettung im Schockzustand völlig verdreckt nach Götzenhof lief und von da mit dem Zug nach Marbach fuhr. Am übernächsten Tag erschien sie wieder zur Arbeit bei der Firma Mehler. Dieses Geschehnis und dieses Einzelschicksal sind heute unvorstellbar. Luftaufnahmen, aufgenommen aus den amerikanischen Flugzeugen, zeigten die Bombeneinschläge in der Nähe des heutigen Möbelhauses XXXLutz. Günter Sagan brachte sie mit aus Armee-Archiven in den USA.
Die symbolischen „Ehrengräber“ für über 50 tote Marbacher Soldaten brachten die Schrecken des Krieges sicht- und spürbar in die Familien und das ganze Dorf. Da es in der Umgebung wenig Flugabwehr gab, benutzten die britischen und später auch amerikanischen Bomber oft die Flugschneise über Marbach, beobachtet von der Flugwache auf dem Kirchberg und gefürchtet von den hinter verdunkelten Fenstern sitzenden Menschen. Im Ortsgedächtnis gespeichert ist der Absturz des „Fliegers“, eines britischen Bombers mit kanadischer Besatzung, im „Saustallsgraben“ im Michelsrombacher Wald in Ortsnähe an Ostern 1944. Alle sieben Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Viele Marbacher und Jugendliche aus einem HJ-Lager in der Marbacher Schule gingen zur Absturzstelle. Beim Hantieren mit dort liegenden Stabbrandbomben starb ein Junge und ein weiterer wurde schwer verletzt.
Kurz vor Kriegsende im März 1945 wurden die Marbacher Zeugen der mehrere Tage dauernden Gefangenenmärsche auf der durch das Dorf führenden R27 und der Transporte von Gefangenen in offenen Güterwagen am Marbacher Bahnhof. Zeitzeugen berichteten, dass Marbacher Nahrungsmittel bereitstellten, zum Beispiel „Dämpfkartoffeln“ – auf Anordnung, aus Mitleid oder Gewissensbissen ist offen. Tagebucheinträge berichten über den Einmarsch amerikanischer Soldaten am Ostermontag 1945. In Marbach fiel aber kein Schuss. Der „Volkssturm“ war verschwunden und weiße Fahnen wurden gehisst. Bürgermeister und Lehrer wurden verhaftet, interniert und kamen erst Monate später wieder in den Ort zurück. Was für die Marbacher galt, galt weltweit: Ein Krieg, der über 60 Millionen Tote forderte, darunter über sechs Millionen Juden, verursachte schwere seelische und körperliche Verwundungen, die ein Leben lang ihre Auswirkungen hinterließen.
Günter Sagan, Autor von 13 Büchern über dieses Thema und Kulturpreisträger der Stadt Fulda, hinterließ ein beeindrucktes und bedrücktes Publikum. Sein Vermächtnis soll mahnen und anspornen, alles zu tun, damit sich dieses Kapitel deutscher Geschichte nicht wiederholen kann.
